HYONG
Übungsformen - Schulung von Koordination und Atmung
Die Hyongs ("Übungsformen") im traditionellen Taekwon-Do stellen eine stilisierte Auseinandersetzung mit einem "gedachten" (imaginären) Gegner dar. Jede Hyong ist dabei eine Abfolge genau festgeschriebener Abwehr- und Angriffstechniken, deren Schwierigkeit sich von Gürtelgrad zu Gürtelgrad steigern. Das Üben der Formen schult die die Konzentration, die Bewegungskoordination, das Gleichgewicht, den Rhytmus und die Atmung.
Die Namensgeber der einzelnen Hyongs sind Persönlichkeiten aus der Geschichte Koreas. Ihre Schrittmuster enthalten häufig Hinweise auf geschichtliche Ereignisse, auch die Anzahl der Bewegungen hat oft eine tiefere symbolische Bedeutung.
In den Taekwon-Do Schulen von Großmeister Kwon, Jae-Hwa wird das Chang-Hon Formensystem gelehrt, das aus den zwanzig ursprünglichen Hyongs besteht, die von dem koreanischen General Choi, Hong Hi von 1961 bis etwa 1965 entwickelt wurden.

1. Chon-Ji Hyong, 19 Bewegungen
Chon-Ji bedeutet übersetzt "der Himmel und die Erde", was in Asien die Erschaffung der Erde und den Beginn der Menschheit symbolisiert.
Chon-ji, "himmlischer" See, ist auch der Name eines großen Vulkansees im Baekdu Gebirge (Nordkorea), der Legende nach die erste Wohnstätte des Begründers von Korea, Tan-Gun.
2. Tan Gun Hyong, 21 Bewegungen
Benannt nach dem koreanischen Volks-Heiligen Tan-Gun, der Sage nach der Gründer von Korea im Jahre 2333 vor Christus:
"Als Himmel und Erde noch eins waren und Tiere noch wie Menschen sprechen konnten, sandte der Gott Hwanin seinen Sohn Hwang-Ung in den Osten, um ein neues Land zu erschaffen. Hwang-Ung ließ sich im heutigen Nordkorea nieder. Eines Tages erschienen ein Tiger und eine Bärin vor Hwang-Ung und baten ihn darum, menschliche Gestalt annehmen zu dürfen. Nach langem Überlegen teilte Hwang-Ung den beiden Tieren mit, dass er ihren Wunsch erfüllen würde, aber es würde schwer für sie werden und viel Geduld erfordern. Der Tiger und die Bärin erklärten sich einverstanden, dass sie alles in Kauf nehmen würden, wenn sie dafür zu Menschen würden. Hwang-Ung gab ihnen 20 Knoblauchzehen und etwas Beifuß und sagte, wenn sie sich die nächsten 100 Tage in eine Höhle zum Beten zurückzögen und nur diese Nahrung zu sich nähmen, würde er sie zu Menschen machen. Nach 20 Tagen wurde der Tiger sehr hungrig und konnte es nicht mehr länger aushalten und er verließ die Höhle, um sich auf Futtersuche zu begeben. Die Bären allerdings hielt durch und als die 100 Tage fast vorüber waren, fing sie an, ihren Pelz zu verlieren und die Verwandlung begann. Am einhundertsten Tage schließlich war aus der Bärin eine wunderhübsche Frau geworden und sie trug fortan den Namen Ung-Yo. Hwang-Ung heiratete Ung-Yo, und sie gebar ihm einen Sohn, den sie Tan-Gun nannten. Dieses Kind gründete schließlich die erste Dynastie in Korea."
3. To-San Hyong, 24 Bewegungen
To-San ist das Pseudonym des koreanischen Patrioten Ahn Ch'ang-Ho (1876-1938), der sein Leben der Bildungsförderung in Korea und der Unabhängigkeitsbewegung in der Zeit der japanischen Besatzung (1910-1945) widmete.
Während der Besatzungszeit war An Chang Ho ("To San") bestrebt, vom Ausland aus Unterlagen zur koreanischen Geschichte zusammenzustellen und zu veröffentlichen, denn die koreanische Sprache, koreanische Schrift (Hangul), die Geschichtsschreibung und das Bildungswesen, eigentlich alle nationalen Identifikationsmerkmale, wurden während dieser Zeit von den Japanern unterdrückt.
4. Won-Hyo Hyong, 28 Bewegungen
Won-Hyo (617-686 v. Chr.) war ein Buddhistischer Mönch, der den Buddhismus 686 v.Chr. in der Silla Dynastie zu großer Geltung brachte.
Won-Hyo's richtiger Name war Sol Sedang. Sein Pseudonym als buddhistischer Philosoph und Poet "Won-Hyo" bedeutet übersetzt "Sonnenaufgang". Der Legend nach galt er als weise von Geburt an.
aus dem Buch "Die Religionen Koreas" des Niederländischen Professors Dr. Frits Vos
(erschienen 1977, Verlag Kohlhammer, ISBN 3-17-216021-1)
"Won-Hyo machte den Buddhismus gemeinverständlich. Laut Überlieferung pflegte er auf der Straße mit dem Volk zu trinken und zu tanzen, wobei er sich durch das Singen selbstgemachter 'Schlager' religiösen Inhalts begleitete.
Berühmt ist die Geschichte von seiner Erleuchtung: Der junge Won-Hyo reiste mit Uisang (ein weiterer berühmter Mönch) nach China, um den Buddhismus zu studieren. In der Nacht suchten sie eine Herberge, fanden aber nur eine leerstehende Wohnung, in der sie sich zur Ruhe begaben. Mitten in der Nacht erwachte Won-Hyo mit brennendem Durst. Im Zimmer herumtappend fand er zum Glück einen Napf voll herrlich frischem Wasser. Beim Tagesanbruch stellte sich heraus, daß die Priester die Nacht in einer Grabkammer verbracht hatten und daß der Napf ein menschlicher Schädel war. Angewidert erbrach sich Won-Hyo, aber im selben Augenblick gelangte er zu folgender Einsicht:
"Wenn das Bewußtsein entsteht, entstehen die unterschiedenen Phänomene.
Wenn das Bewußtsein verschwindet, verschwinden auch die Phänomene.
Die drei Welten (die Welt der Begierde - die Welt der Form - die formlose Welt des reinen Geistes) sind nichts anderes als geistige Erkenntnis.
Alle Phänomene sind nichts anderes als Bewußtsein."
Ihm war übel geworden, als er durch Wahrnehmung sich dessen bewußt wurde, daß der Napf tatsächlich ein Schädel war; erst dann war seine Unbekümmertheit in Angst umgeschlagen. Gegensätze wie die zwischen Reinheit und Unreinheit, Friede und Unfriede, werden nur vom Bewußtsein gebildet existieren jedoch nicht in Gegenständen an sich. Weil er einsah, daß man auch in Korea die Erleuchtung erreichen könne, gab Won-Hyo seine Chinareise auf und kehrte zurück."
Yul-Kok Hyong (5. Hyong)
Yul-Kok ist das Pseudonym des großen Philosophen und Gelehrten Yi I (1536-1584 n.Chr). Er wurde auch der "Konfuzius von Korea" genannt. Die 38 Bewegungen der Hyong deuten auf den Geburtsort von Yi I auf dem 38. Breitengrad hin. Das Laufschema basiert auf dem Zeichen für das Wort "Gelehrter".
Chun-Gun Hyong (6. Hyong)
Benannt nach dem Patrioten An Chung-Gun (1878-1910 n.Chr.).
Die 32 Bewegungen der Hyong stehen für das Alter von An Chung-Gun, als er im Gefängnis von Lui-Shung hingerichtet wurde.
T'oi-Gye Hyong (7. Hyong)
T'oi-Gye ist der Schriftstellername des Gelehrten Yi Hwang (16. Jhdt.), eine Autorität des Neo-Konfuzianismus.
Die 37 Bewegungen der Hyong stehen für den Geburtsort von T'oi-Gye auf dem 37. Breitengrad. Das Laufschema ist das Zeichen für das Wort "Gelehrter".
Hwa-Rang Hyong (8. Hyong)
Ist benannt nach der Hwa-Rang (übersetzt: blühende Jugend) Organisation, gegründet vor ca. 1400 Jahren.
Die aus jungen Kämpfern bestehende Gruppierung war die führende Kraft bei den Bemühungen um die Vereinigung der drei koreanischen Königreiche.
Die Hyong setzt sich aus 29 Bewegungen zusammen.
Chung-Mu Hyong (9. Hyong)
Chung-Mu Pseudonym des Admirals Yi Sun-Sin (1592 n.Chr.), Erfinder des ersten gepanzerten Schiffes (Vorläufer der heutigen U-Boote).
Die letzte Technik (Angriff mit der linken Hand) symbolisiert den bedauerlichen Tod von Yi Sun-Sin. Die Hyong setzt sich aus 30 Bewegungen zusammen.
Gwang-Gae Hyong (10. Hyong)
Benannt nach Gwan-Gae-T'o-Wang, den 19. König der Koguryo Dynastie, Rückeroberer der koreanischen Gebiete inklusive der Teile in der Mandschurei.
Das Diagramm repräsentiert die Expansion sowie die Rückeroberung der verlorenen Gebiete. Die Hyong setzt sich aus 39 Bewegungen zusammen, für die 39 Jahre der Herrschaft des Königs.
P'o-Eun Hyong (11. Hyong)
P'o-Eun ist das Pseudonym des berühmten Dichters Chong Mong-Chu (1400n.Chr.).
P'o Eun gilt ebenso als Pionier auf dem Gebiet der Physik. Das Diagramm der Hyong steht für die Treue von Chong Mong-Chu zu seinem Vaterland gegen Ende der Koryo Dynastie. Die Hyong setzt sich aus 36 Bewegungen zusammen. Das Schrittmuster ist eine Gerade, die Loyalität symbolisiert.
Ge-Baek (12. Hyong)
Ge-Baek (660n.Chr.) war ein großer General in der Paekchae Dynastie (660 n.Ch.). Seine harte Disziplin spiegelt sich im Diagramm dieser Hyong wieder.
Die Hyong setzt sich aus 44 Bewegungen zusammen.
Yu-Sin (13. Hyong)
Kim Yu-Sin war ein großer General der Silla Dynastie.
Er war 668 n.Chr. maßgeblich an der Wiedervereinigung des dreigeteilten Korea beteiligt.
Die Hyong setzt sich aus 68 Bewegungen zusammen (für das Jahr der Vereinigung).
Chung-Yang (14. Hyong)
Benannt nach dem Pseudonym des großen Generals Kim Dok-Ryong der Yi Dynastie.
Das Ende der Hyong, ein Angriff mit der linken Hand, deutet auf seinen tragischen Tod hin.
Er starb im Alter von 27 Jahren im Gefängnis. Da er aufgrund falscher Beschuldigungen eingesperrt wurde, hatte er keine Möglichkeit mehr, sein volles Potential unter Beweis zu stellen. Die Hyong setzt sich aus 52 Bewegungen zusammen.
Ul-Ji (15. Hyong)
Ul-Ji Mun-Duk war ein General, der in der Koguryo Dynastie (7. Jahrhundert) lebte.
Das Diagramm der Hyong steht für seinen Nachnamen. Die Hyong setzt sich aus 42 Bewegungen zusammen.
Sam-Il (16. Hyong)
Sam Il erinnert an den 1. März. Das ist das historische Datum, an dem die Unabhängigkeitsbewegung in Korea im Jahr 1919 startete.
Die 33 Bewegungen der Hyong stehen für die 33 Patrioten, die den Start der Unabhängigkeitsbewegung planten.
Ko-Dang (17. Hyong)
Ko Dang ist das Pseudonym des koreanischen Patrioten und Freiheitskämpfers Cho-Man-Sik, der sein Leben der Unabhängigkeitsbewegung widmete, sowie der Bildung in Korea. Die 39 Bewegungen der Hyong stehen für die Anzahl seiner Inhaftierungen und gleichzeitig für die geographische Lage seines Geburtsortes.
Ch'oi-Yong (18. Hyong)
General Ch'oi Yong war Kanzler in der Koryo Dynastie (14. Jhdt. n.Chr.), sowie Kommandeur der der koreanischen Armee.
Er war sehr beliebt und wurde von allen Nationen sehr wegen seiner Loyalität und seinem Patriotismus respektiert, obwohl er aufgrund falscher Beschuldigungen von einem seiner untergebenen Kommandeure exekutiert wurde. Die Hyong setzt sich aus 45 Bewegungen zusammen.
Se-Yong (19. Hyong)
König Se-Yong gilt als Erfinder der koreanischen Schrift (1443 n.Chr.).
Die 24 Bewegungen der Hyong stehen für die 24 Symbole der koreanischen Schrift.
Das Diagramm symbolisiert das Zeichen für "König".
T'ong-Il (20. Hyong)
T'ong Il steht für den Wunsch der Wiedervereinigung des seit 1945 gespaltenen Koreas. Das Diagramm der Hyong steht für die Einheit der Koreaner.
Die Hyong setzt sich aus 56 Bewegungen zusammen.
Sie soll nach dem Willen des Hyong-Begründers General Choi, Hong-Hi (1918-2002) öffentlich solange nicht aufgeführt werden, bis Nord- und Südkorea wiedervereint sind.




